Mein Roman »Die gesunde Schwester« legt Zeugnis ab von dem Versuch, sich innerlich wie äußerlich zu befreien

»Alles spricht dagegen, dass ich zu sprechen beginne. Aber wenn ich die in meiner Familie wirkende Macht verstehen, sie aus dem Schatten herauslösen und ins Taghelle hineinschieben will, ergründen und verstehen möchte, was mit mir geschehen ist und immer noch geschieht, dann muss ich das, was meine Welt gewesen ist, abtasten und für all das Worte finden. Aus einem w, aus einem e, aus einem l, aus einem t Textflächen von Welt erschaffen. Tief hinabtauchen zu Orten, an denen ich bisher noch nicht gewesen bin.«
Mit diesen Zeilen lasse ich meinen Roman beginnen. Sie sind die Tonart, in der mein Stück einsetzt. Ein lyrisches Momentum, bevor ich in die Handlung einsteige. Im späteren Verlauf des Romans greife ich das Motiv der inneren Zensur wieder auf, indem ich die gesunde Schwester und Protagonistin des Romans – Sophia – Die Argonauten von Maggie Nelson lesen und ein Zitat daraus wiedergeben lasse. Eine fremde Stimme, die in »Die gesunde Schwester« anklingt.
In der angeführten Sequenz macht sich Nelson dafür stark, die Grenzen des eigenen Ausdrucksvermögens nicht durch einen gespielt zugeschnürten Hals abzustecken. Sie wendet sich dagegen, vermeintlichen Grenzen des Sagbaren durch die Annahme zu festigen, es sei unmöglich, das, was sich wirklich auf der inneren Landkarte befindet, in Worte zu fassen. Darüber zu sprechen. Sie schreibt: »Was ich nicht alles sagen würde, wenn die Worte doch gut genug wären. Worte sind gut genug.«
Auch ich hielt das Niederschreiben meiner Geschichte – wenn auch in autofiktionaler Verformung – für unaussprechlich. Für etwas, wofür ich mit Sanktionen bestraft werden könne, wenn ich die vermeintlichen Grenzen des Sagbaren ausreize. Die wiederkehrenden Angstfantasien reichten von der Befürchtung, von der eigenen Ursprungsfamilie ausgeschlossen zu werden, bis hin zu darüber muss man schweigen, ansonsten wird etwas Furchtbares passieren.
Nun ist aus dem, was angeblich nicht erzählt werden kann, ein Roman geworden. Ein Buch, in dem ich von der besonderen Situation der Schwestern und Brüder erzähle, die mit mindestens einem kranken Geschwisterteil aufwachsen, und zwar mit all dem, das dazugehört / dazugehören kann: Schuldgefühle, Sorge, Scham, psychische Erkrankungen, Selbstaufgabe.
In dem Sachbuch »Tabu. Magie und soziale Wirklichkeit« wird aufgezählt, welche Fragen man sich stellen kann, wenn man in seiner Umgebung oder bei sich selbst ein Tabu entdeckt: Was würde, vertreten durch welche Personen passieren, wenn ich dieses oder jenes tue oder sage? Was davon entspricht wirklich der Macht, die diese Person ausüben kann? Was schreibe ich ihm möglicherweise lediglich zu? Sind es vielleicht nur die in mir vorhandenen Bilder, die mir Angst einjagen und die ich auf andere Menschen zu projizieren bereit bin?
Erzählt eure Geschichten, ihr Geschwister dort draußen. Traut euch, Raum einzunehmen. Mutet euch zu! Lasst euch nicht irritieren, wenn jemand sagt Ich verstehe dich!, obwohl er keine Ahnung hat, wie es wirklich ist.
Wenn jedoch Schweigen das sein sollte, was ihr in dem jeweiligen Moment braucht, dann schweigt. Und wenn über eine längere oder kürzere Zeitstrecke kein Raum für euch selbst bleibt, weil eure Schwester oder euer Bruder euch braucht, seid weich zu euch. Wir gesunden Geschwister wissen am besten, wie schwierig es ist, die eigenen Grenzen auszuloten. Welche Herausforderung es ist, jedes Mal neu herauszufinden, wann man geben kann, und wann es an der Zeit ist, den eigenen Bedürfnissen zu folgen, um nicht unterzugehen.
»Alles spricht dagegen, dass ich zu sprechen beginne. Aber wenn ich die in meiner Familie wirkende Macht verstehen, sie aus dem Schatten herauslösen und ins Taghelle hineinschieben will, ergründen und verstehen möchte, was mit mir geschehen ist und immer noch geschieht, dann muss ich das, was meine Welt gewesen ist, abtasten und für all das Worte finden. Aus einem w, aus einem e, aus einem l, aus einem t Textflächen von Welt erschaffen. Tief hinabtauchen zu Orten, an denen ich bisher noch nicht gewesen bin.«
Jana Fuchs: Die gesunde Schwester. Roman aus der Edition 8.
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