Zwangsläufig existenziell

Tagebucheintrag einer erwachsenen Schwester

5.5.21 

Es wird ganz konkret: keine Versorgung meiner Schwester zwischen 31. Mai und 31. JuLi. Zwei Monate in denen alles sein kann, und noch keine wirkliche Unterstützung in Sicht. 

Mamas chaotische Herangehensweise macht mich jetzt schon ganz wuschig, ich wittere Verantwortung: sie schwebt im luftleeren Raum und muss von irgendwem übernommen werden. Reflexartig greife ich nach ihr. Wie gut kann ich sie händeln? 

Praktisch bin ich da glaub ich ganz gut bzw. kann viel beitragen. Bei mir ist der Knackpunkt die emotionale Stabilität: Wie viel werde ich aushalten können? Ich nehme die Herausforderung an. Den alten Dämonen neu begegnen. Hab auch einfach Lust, mir ne gute Zeit mit meiner Schwester zu machen, sofern das eben geht. Hab überlegt: z.B. Ausflüge in die Stadt machen, sie zum Einkaufen mitnehmen, extra sichtbar werden. Ja wir sind da, es gibt uns. 

Hab so ne tiefe Wut und Ungerechtigkeitswahrnehmung in mir, möchte aktiv werden, z.B. bezüglich all der tollen Dokus die man so auf Youtube schauen kann: die kommen mir neben dem was die nächsten Monate passieren wird so banal vor. Macht doch mal mehr Dokus darüber, wie Familien mit schwermehrfach betroffenen Kindern so klarkommen. Wie Mütter (bestimmt auch Väter – in meiner Wahrnehmung bleibt es meistens an den Müttern hängen) sich abarbeiten in der Versorgungssituation, ausgebeutet von einem System, das sich auf ihre so ‚natürlich gegebene‘ Fürsorglichkeit verlässt. Und was ist in solchen Situationen eigentlich mit den anderen Kindern, hm? Und mit deren existenziell bedingter Aufopferungsbereitschaft? Die auch im Erwachsenenalter nicht unbedingt weggeht, so sehr man es auch versucht.

Eine lähmende Welle an Unverstandenheit überfällt mich, macht mich wütend und sprachlos. Erkläre ich es nicht deutlich genug was das für mich bedeutet? In eine Situation zurückzugehen, die mir ziemlich nachhaltig Schaden zugefügt hat…!?! 

Aber: was bleibt mir anderes übrig, wenn die Alternative ist: meine überforderte Mutter mit ihr alleinzulassen, die diese Pflege vor 5 Jahren als das Intensivpflegeteam übernahm eigentlich lange schon nicht mehr leisten konnte… ?!?! 

24h hoher Betreuungsaufwand. Es ist schwer geworden mit ihr: ihre Anfälle kaum händelbar, mit ihren 15 Jahren ist sie groß und schwer zu mobilisieren geworden. 

„Ach dann ist es doch absehbar und für die Zeit findet sich bestimmt auch eine Lösung“ antwortet meine Mitbewohnerin als ich ihr davon erzähle, ahnungslos, und meinem Gefühl nach ignorant gegenüber dem Schmerz und der Panik, die sich in mir ausbreiten und vermehren, seit die Situation in ihrer Ungewissheit so deutlich geworden ist. Niemand versteht das, der nicht in der gleichen Situation steckt.

Immer wieder mache ich diese mich von meinen engsten Menschen trennende Erfahrung. Niemand versteht dieses Ziehen, die Verantwortung, das eben nicht anders können, egal wie unabhängig und reflektiert ich mich mittlerweile wähne. Während „ihr“ euch unbedarft Gedanken darum macht, welche Schuhe oder welches Fahrrad ihr euch kauft, wie das Wetter nächste Woche wird und welche Serie ihr heute Abend schaut, ist die Situation für mich grad mal wieder: zwangsläufig existenziell. 

Fast empfinde ich Scham darüber, mich hier so breit zu machen mit meinem Leid, denn letztendlich geht es gar nicht um mich, sondern: um das Leben meiner Schwester, das an so viel Unterstützung geknüpft ist –  die aber nur funktionieren kann wenn wir, die Unterstützenden, funktionieren!

One thought on “Zwangsläufig existenziell

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.